Mal- und Kunsttherapie

 

Headerbild.png

Kunsttherapie, Mal- und Gestaltungstherapie

Einführung


Ein Blick in die kunsttherapeutische Praxis und Theorie ergibt weiterhin – nach einer vieljährigen Etablierungsgeschichte in unterschiedlichsten Praxisfeldern – ein sehr buntes und vielfältiges Bild. Diese Vielfalt bezieht sich auf die Vorgehensweisen, die Arbeitsfelder und die zugrunde liegenden Theorien. Sie birgt Chancen eines individuellen Freiraums und macht die Kunsttherapie zu einem wertvollen Teil des therapeutischen Angebots in

  • Medizin
  • Psychotherapie
  • Pädagogik
     

Ihren Einsatz findet Kunsttherapie konkret in
 

  • (Kinder-)Krankenhäusern (z.B. St. Anna Kinderspital, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Neurologie, Otto-Wagner Spital, Kinder- und Jugendpsychiatrie AKH Wien, F.E.M., …)
  • psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken (Psychosomatische Klinik Waldviertel, Psychosozialer Dienst, Anton-Proksch-Institut)
  • Schulen, Kindergärten (div. Volksschulen und Integrationskindergärten, SPZ Hinterbrühl, SOS Kinderdorf)
  • Einrichtungen der Behindertenhilfe (Lebenshilfe)
  • Gefängnissen, forensischen Abteilungen (Pro Mente, Justizanstalt)
  • Seniorenheimen, Frauenhäusern, Hospiz (Kinderhospiz Sterntalerhof)
  • Rehabilitationszentren (Bad Pirawarth, Sonnenpark Neusiedlersee, pro mente Reha, Reha Klinik Hochegg)
  • freier Praxis...

    Referenzen: Einrichtungen in denen Kunsttherapie eingesetzt wird
     

Kunsttherapeutische Arbeitsfelder:
 

  • Persönliche Entfaltung und künstlerische Selbsterfahrung
  • Stressbewältigung/Burn Out
  • Angst- und Panikzustände
  • Psychische Erkrankungen
  • Bewältigung von traumatischen Erlebnissen
  • Persönliche Krisen
  • Bewältigung von Verlust und Trauer
  • Bewältigung von Blockaden
  • Psychosomatische Beschwerden
  • Aktivierung der Selbstheilungskräfte…
     

In den europäischen bzw. deutschsprachigen Ländern ist die Kunsttherapie unterschiedlich anerkannt und gesetzlich geregelt:


In ÖSTERREICH läuft ein Verfahren zur Anerkennung der Kunsttherapie als eigenständiges Berufsbild im Gesundheitsbereich. Die Musiktherapie erhielt 2009 als erste der Kunsttherapien ein eigenes Berufsgesetz (MuthG). Diese Entwicklung kann Impulse für eine entsprechende Anerkennung der Kunsttherapie in Österreich setzen.

Als Wiege der Kunsttherapie spielt die SCHWEIZ eine wesentliche Rolle. In der Schweiz hat im März 2011 das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) die Höhere Fachprüfung für Kunsttherapeutinnen und Kunsttherapeuten genehmigt, somit ist der Titel "Diplomierte Kunsttherapeutin (ED)" / "Diplomierter Kunsttherapeut (ED)" schweizweit anerkannt und geschützt.

Quelle: kunsttheraphie.at - Wegweiser Kunsttheraphie
 

Studie: PatientInnenerfahrungen und Bildverläufe in der Kunsttherapie einer psychosomatischen Tagesklinik (2013)


Alexandra Danner-Weinberger, Jörn von Wietersheim
Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Ulm, Hochschule für Kunsttherapie, Nürtingen

Wo für viele PatientInnen die Beschreibung innerer Probleme, das Verbalisieren traumatischer Erlebnisse, die Verarbeitung schwerer körperlicher Krankheit durch Worte an Grenzen stößt, können kreative Therapien helfen, durch Selbstausdruck das Erlebte zu integrieren. Kunsttherapie ist ein

  • ressourcen-,
  • lösungs-,
  • erlebnis-,
  • handlungs- und
  • beziehungsorientiertes

therapeutisches Verfahren, bei dem die Potenziale der bildenden Kunst zur Entfaltung kommen. Es hilft schöpferische Kräfte zu reaktivieren, fördert den Erkenntnisprozess und kann zur Selbstheilung, Selbstregulierung und zum Erlangen von Kompetenzen führen.

 

Bei dem Ansatz in der Studie handelte es sich um ein 2-stufiges Verfahren, bei welchem zuerst

  • ein künstlerischer/s Gegenstand/Bild erstellt wurde und auf diesem basierend
  • ein Gespräch aufgebaut werden konnte.

Im Gestaltungsprozess wurden Gefühle, Wünsche, Bedürfnisse, innere Bilder und Erfahrungen bildnerisch erlebt und verbalisiert.

Untersucht wurden 15 PatientInnen der psychosomatischen Tagesklinik der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Ulm. Alle PatientInnen hatten bei einer mittleren Verweildauer von 9,5 Wochen Einzel-/Gruppentherapie (verhaltenstherapeutisch oder psychodynamisch orientiert), Musik-, Kunsttherapie sowie Entspannungsverfahren erhalten.

Die Gruppe bestand aus 11 Frauen und 4 Männern, das durchschnittliche Alter lag bei 34 Jahren.

Die Kunsttherapie wurde als Gruppentherapie 2-mal pro Woche à 90 min durchgeführt. Zur Erstellung der Bilder wurde den PatientInnen ein Thema vorgeschlagen, nach dem sie malen konnten. Bezüglich des Materials standen verschiedene Papiergrößen bis A2, Wachsmalstifte, Kreiden, Bunt- und Filzstifte, Bleistifte, Acryl- und Aquarellfarben sowie Kohle zur Verfügung.

Alle PatientInnen saßen an einem Tisch, an dessen Kopfende die/der TherapeutIn ihren/seinen festen Platz hatte. Zum Abschluss der Sitzung wurden die Bilder in der Gruppe besprochen.
 

Ergebnisse der Studie


Im Folgenden werden die Ergebnisse der qualitativen Analyse mit Relevanz für die Fragestellungen zusammenfassend dargestellt.

Bezogen auf die retrospektiv erfasste Erwartungshaltung bezüglich der Kunsttherapie gaben

  • 40% der PatientInnen an, den Emotionen Raum geben zu wollen.
  • Ein Drittel beabsichtigte, sich mit eigenen inneren Konflikten auseinanderzusetzen.
  • Jeweils 2 PatientInnen wollten sich entspannen.
     

Tatsächlich gaben

  • 73% (11) an, sich in der Kunsttherapie mit Konflikten auseinandergesetzt zu haben und
  • 20% (3) primär Emotionen Raum gegeben zu haben.
  • Nur ein/e PatientIn nutzte die Kunsttherapie überwiegend zur Entspannung.
     

Akzeptanz zu Beginn

  • Bei einem Drittel überwog vor der Therapie (retrospektiv erfasst) Ablehnung/Angst/Skepsis,
  • Akzeptanz nannte nur ein/e PatientIn,
  • der Rest äußerte keine Meinung oder nahm eine neutrale Haltung gegenüber der Kunsttherapie ein.
     

Am Ende äußerten fast

  • 90% (13) eine positive Haltung zur Kunsttherapie,
  • 2 PatientInnen nahmen eine neutrale Haltung ein.
     

Alle PatientInnen berichteten von einer Verbesserung des eigenen seelischen und körperlichen Zustandes durch die Kunsttherapie.
 

Wichtige Bilder wurden nach den Interviewergebnissen zu allen Zeitpunkten der Therapie angefertigt. Bilder, die als Wendepunkte bezeichnet werden (z. B. wichtige neue Erkenntnisse, Veränderungen im Verhalten), tauchten bei

  • 60% in der Mitte der Therapie und bei
  • 40% gegen Ende auf.
     

Wichtige Bilder und Wendepunkt-Bilder wurden von allen PatientInnen angegeben.
 

Die meist benutzten Zeichenmaterialien waren:

  • flüssige Farben (66%)
  • gefolgt von Pastellkreiden (26%).
     

Nahezu alle wählten das Querformat, nur 24 Bilder wurden als Hochformat angefertigt. Diese Bilder wurden in den Abschlussinterviews fast gänzlich als Wendepunkt-Bilder eingeschätzt.

Fast zu gleichen Teilen erstellten die PatientInnen gegenständliche und ungegenständliche Werke.

In ihrem ersten Bild stellen PatientInnen häufig ihre Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen dar.

Im letzten Bild wird teilweise ein Ausblick auf die Zukunft gegeben oder Therapieerfolge werden verdeutlicht.

Zu Beginn verwendeten die PatientInnen u. a. vertraute Zeichenmaterialien und Techniken. Im Verlauf begannen sie zu experimentieren. In 160 Bildern setzten sich die PatientInnen laut Abschlussinterviews mit ihren Konflikten auseinander.
 

In mehr als 4/5 der Fälle passten die Bilder zu der damaligen Stimmung. Diese war

  • 166 mal mittelmäßig
  • 49 mal gut und
  • 5 mal schlecht

vor Beginn der Kunsttherapiesitzung.
 

Danach hatte sie sich in

  • 60% (103) der Fälle gebessert,
  • 92 mal war sie gleich geblieben und
  • 16 mal wurde sie schlechter.
     

Insgesamt waren 102 Bilder für die UntersuchungsteilnehmerInnen von großer Bedeutung.

Fast alle (14) thematisierten im Abschlussinterview die eigene Problematik, alle PatientInnen berichteten von neu gewonnenen Erkenntnissen in diesem Interview. Diese bezogen sich bei jeweils ca. einem Fünftel auf Ansporn zur Veränderung, Auseinandersetzung mit Problemen, Konfliktverarbeitung oder zusätzliche Klärung von Sachverhalten.

Quelle: ResearchGate

Fazit für die Praxis


Fast alle untersuchten PatientInnen bewerteten die Kunsttherapie im Abschlussgespräch positiv und nutzten sie, um sich mit Problemen auseinanderzusetzen; dabei wurden die verschiedenen Therapien aufeinander aufbauend erlebt. In den Bilderserien könnten Entwicklungen, Bezüge und Wendepunkt-Bilder erkannt werden. Der individuelle Therapieverlauf zeichnete sich vor allem anhand von Veränderungen bezüglich der Farbwahl, der Anzahl der Farben und Formen, des Farbauftrags und des Bildaufbaus ab. Die abschließende Betrachtung der Bildserien mit dem Interview wurde als hilfreich erlebt und sollte als therapeutische Intervention untersucht werden.
 

Biene.png

Lisa Zehner